Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber wenn der Kalender in Spanien auf die Mitte des Novembers zusteuert, gerät die herbstliche Inselfriedseligkeit verlässlich in eine Schieflage. Während das Festland bei kühlen Temperaturen in düstere Mantelschichten gehüllt ist und die Küste von Mallorca sich nach den sommerlichen Invasionen endlich wie ein durchgeatmetes Paradies anfühlt, schleicht sich jedes Jahr um den zwanzigsten Tag dieses Monats ein Geist durch die Gassen. Man spürt diesen merkwürdigen Hauch von Vergangenheit in den Olivenhainen und in den schattigen Hinterhöfen der Altstadt. Es ist eine unheimliche Stille, die sich über das Land legt und die Menschen daran erinnert, dass manche Schatten einfach nicht weichen wollen.
Der zwanzigste November gilt bei uns schlicht als 20-N. Das Schicksal beschloss an diesem Datum mit unheimlicher Präzision, die historische Kalenderuhr anzuhalten. Im Bürgerkrieg des Jahres 1936 wurde José Antonio Primo de Rivera als Begründer der faschistischen Falange hingerichtet. Punktgenau 39 Jahre später gab General Francisco Franco im Koma liegend seinen letzten Atemzug von sich. Zweimal dasselbe Datum markiert das Ende einer Ära und bedeutet für die spanische Gesellschaft einen bis heute spürbaren Phantomschmerz. Man fragt sich unwillkürlich, ob die Geschichte hier einen besonders ironischen Humoranfall hatte oder ob das Universum uns einfach nur einen riesigen Spiegel vorhalten wollte.
Man muss verstehen, wie dieses Land mit seinen Narben umgeht, um das alltägliche Theater im November zu begreifen. Auf der einen Seite haben wir die Fraktion der Ewiggestrigen, die an diesem Tag mit sturer Andacht in die Kirchen dackelt, als gelte es, das Goldene Zeitalter der Disziplin zurückzubeschwören. Dieser Versuch wirkt so aus der Zeit gefallen, als würde man in einem modernen Elektroauto den Motor mit einer Kurbel anlassen wollen. Auf der anderen Seite steht der Großteil der Gesellschaft, der bei jedem Jahrestag mit einer Mischung aus Erleichterung und leise brodelnder Entrüstung feststellt, wie lang der Schatten eines Diktators sein kann. Selbst die Gebeine, die man vor einigen Jahren aus dem gigantischen Monumentalbau umgebettet hat, bringen diese Gemüter keineswegs zur Ruhe.
Hier auf der Insel beobachten wir solche Phänomene mit einer ganz eigenen, leicht melancholischen Distanz. Mallorca besitzt die Gabe, Geschichte in den Alltag einzusaugen, bis sie banal erscheint. Während in den Nachrichtensendungen in Madrid Historiker und Politiker mit hochrotem Kopf darüber streiten, wie viel Erbe von damals noch in den Mauern des Parlaments steckt, sitzen die mallorquinischen Senioren in den Kneipen von Sineu oder Inca über ihrem Kaffee, rühren stoisch den Zucker um und lassen die Vergangenheit ruhen. Sie haben die Diktatur überlebt, sie haben den Bauboom der Achtziger überlebt und sie überstehen auch die jährliche Debatte über diesen Tag. Am Nebentisch wird stattdessen hitzig darüber diskutiert, ob das Wetter für die Olivenernte dieses Jahr reicht oder ob der Inselwind wieder einmal die Pläne durchkreuzt.
Genau da liegt die Absurdität unserer Gegenwart. Man versucht, einen Strich unter vierzig Jahre Unterdrückung zu ziehen, während gleichzeitig Gedenkzüge durch die Straßen ziehen und die deutsche Nachbarschaft auf der Insel völlig verständnislos fragt, warum der Bäcker heute so grimmig dreinschaut. Mitteleuropäische Auswanderer rechnen im Spätherbst mit Regen oder dem Beginn des Weihnachtsgeschäfts, aber selten mit der Tatsache, dass sie in einem Land leben, dessen Demokratie blutjunge fünfzig Jahre alt ist. Die Touristen suchen nach Sonne und Sangria, während die Einheimischen an ihren Stammtischen schweigend die Narben der Geschichte verwalten.
Es zeigt sich die doppelte Wahrheit des mallorquinischen Novembers. Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Vergessen, nach Vorwärtskommen und nach moderner europäischer Normalität. Auf der anderen Seite leuchtet ein Datum wie ein unbarmherziger Scheinwerfer auf die Risse in der Fassade. Man kann vergangene Jahrzehnte nicht mit einer Schicht Farbe überstreichen. Franco hat sich seinen Abgang auf den zwanzigsten November gelegt und der Nation ein Erbe hinterlassen, das sich nicht einfach durch Wegschauen auflöst. Uns bleibt wie jedes Jahr die Erkenntnis, dass Demokratie kein Zustand ist, den man einmal geschenkt bekommt, sondern ein täglicher Akt des Wachens, besonders wenn die Schatten wieder ein Stückchen länger werden als die Sonne über dem Mittelmeer.