Nevater
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber Mallorca ist für Sonne, Meer und Menschen, die im August behaupten, 38 Grad seien „angenehm“ bekannt. Dass dieselbe Insel einst Männer hervorbrachte, die freiwillig in die Berge stiegen, um Schnee zu sammeln, klingt wie ein schlechter Witz. Trotzdem gab es sie wirklich: die legendären nevater. Diese tapferen Gestalten zogen los, wenn andere sich am liebsten unter einer Decke versteckt hätten. Sie stapften durch die Serra de Tramuntana, als wäre es ein gemütlicher Spaziergang, obwohl der Wind ihnen ins Gesicht peitschte wie eine besonders schlecht gelaunte Großtante.
Die Arbeit begann im 16. Jahrhundert und endete erst im 19. Jahrhundert. Damals war Eis ein Luxusgut, das man nicht einfach aus dem Gefrierschrank zog. Wer im Sommer ein kühles Getränk wollte, brauchte Männer, die bereit waren, sich im Winter halb erfrieren zu lassen. Die nevater waren also so etwas wie die Influencer ihrer Zeit: ohne sie lief gar nichts, und trotzdem bekamen sie viel zu wenig Anerkennung.
Oben in den Bergen warteten die cases de neu, Schneehäuser aus Stein. Dort stopften die Männer den frisch gesammelten Schnee in tiefe Gruben, pressten ihn zusammen und verwandelten ihn in kompakte Blöcke. Das Ganze sah vermutlich aus wie ein Fitnessprogramm, das selbst ein Personal Trainer ablehnen würde. Die Blöcke wurden später ins Tal transportiert, oft auf Maultieren, die wahrscheinlich dachten, sie hätten im Leben schon genug Unsinn mitgemacht. Unten angekommen, verkaufte man das Eis an Klöster, Krankenhäuser und reiche Familien, die im Sommer Sorbet essen wollten, während der Rest der Bevölkerung schwitzte wie ein Ofenrohr. Manche Adligen sollen sogar behauptet haben, warmes Sorbet sei ein Zeichen des Weltuntergangs, was zeigt, dass Dramatik keine moderne Erfindung ist.
Die nevater arbeiteten in Gruppen, denn allein hätte niemand diese Tortur überstanden. Einer schaufelte, ein anderer stampfte, ein dritter kontrollierte, ob der Schnee sauber genug war. Man stelle sich das vor: Männer, die mitten im Winter darüber diskutieren, ob ein Schneehaufen „ästhetisch ansprechend“ wirkt. Wahrscheinlich gab es hitzige Debatten, die nur durch die Kälte abgekühlt wurden. Wer sich beschwerte, bekam die Antwort: „Wenn dir das nicht passt, geh doch Fische sortieren.“
Viele Geschichten erzählen, dass die nevater eine besondere Art Humor hatten. Kein Wunder, denn wer stundenlang Schnee presst, entwickelt zwangsläufig eine gewisse Verrücktheit. Vielleicht machten sie Witze darüber, dass sie im Sommer als Helden gefeiert wurden, obwohl sie im Winter aussahen wie wandelnde Eiszapfen. Vielleicht lachten sie darüber, dass die Menschen im Tal glaubten, Schnee sei ein romantisches Naturphänomen, während sie selbst wussten, dass er sich anfühlt wie ein nasser Lappen, der einem ins Gesicht klatscht.
Die Arbeit war gefährlich. Stürze, eisige Nächte und der ständige Kampf gegen die eigene Vernunft gehörten zum Alltag. Trotzdem hielten die Männer durch, weil sie wussten, dass ihre Arbeit gebraucht wurde. Ohne sie hätte niemand im Sommer medizinisches Eis gehabt, und die Reichen hätten ihre Sorbets warm essen müssen. Das wäre für manche vermutlich schlimmer gewesen als jede Naturkatastrophe. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie ein Adliger dramatisch in Ohnmacht fällt, weil sein Sorbet nicht die perfekte Konsistenz hat.
Mit der Erfindung moderner Kühltechniken verschwanden die nevater langsam aus dem Alltag. Heute erinnern nur noch die alten Schneehäuser an diese frostigen Helden. Wanderer laufen daran vorbei, machen Selfies und posten sie mit Kommentaren wie „Süßes kleines Steinhäuschen“, ohne zu ahnen, dass dort einst Männer arbeiteten, die härter waren als jeder Soldat in der Fremdenlegion. Manche Touristen glauben sogar, es seien alte Grillplätze, was beweist, dass Fantasie manchmal stärker ist als Geschichtswissen.
Mallorca wäre ohne die nevater ein Stück ärmer. Sie zeigen, dass die Insel nicht nur aus Strandliegen und Sangría besteht, sondern auch aus Geschichten voller Mut, Humor und einer Portion Verrücktheit. Vielleicht sollten wir ihnen zu Ehren jedes Jahr ein Fest feiern, bei dem alle Besucher verpflichtet sind, mindestens fünf Minuten einen Eisblock zu tragen. Wer sich beschwert, bekommt die Antwort, die schon damals galt: „Wenn dir das nicht passt, geh doch Fische sortieren.“