Wochenbett

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber auch auf Mallorca beginnt eine Geburt manchmal erstaunlich unspektakulär. Die Ankunft meiner Tochter verlief so reibungslos, dass ich mich kurz fühlte wie die Hauptdarstellerin in einem Werbespot für moderne Geburtsmedizin. Das Personal im Krankenhaus in Palma arbeitete mit einer Präzision, die selbst Schweizer Uhrmacher neidisch machen würde. Hebammen, Ärztinnen und Pfleger agierten wie ein perfekt abgestimmtes Ensemble, das jede Note im Schlaf beherrscht. Ich fühlte mich sicher, gut aufgehoben und rundum bestens betreut. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Belegschaft von Son Llatzer, die mich durch diese besondere Erfahrung getragen hat.

Doch kaum war das letzte „¡Enhorabuena!“ verklungen, begann ein Kapitel, das selbst Stephen King nicht düsterer hätte schreiben können. Der Horror setzte nicht während der Geburt ein, sondern erst danach. Als ich aus dem Kreißsaal geschoben wurde, meine Tochter friedlich auf meinem Arm, erwartete ich Ruhe, vielleicht ein Glas Wasser, eventuell ein Kissen. Stattdessen saß in unserem Zimmer bereits der mallorquinische Clan. Die Eltern meines Mannes, sein Bruder, alle hellwach, obwohl es drei Uhr morgens war. Offenbar hatten sie nichts Dringenderes zu tun, als im Krankenhausflur zu campieren wie Fans vor einem Konzert von Beyoncé. Nett gemeint, sicher. Aber nach einer Geburt wünscht man sich eher ein Nickerchen als ein Familienfest.

Der nächste Morgen brachte keine Besserung. Punkt acht Uhr öffnete sich die Tür, und die Schwiegereltern marschierten wieder ein, gefolgt vom Bruder, der aussah, als hätte er die Nacht im Auto verbracht. Nach und nach trudelte der Rest des Clans ein: Tanten, Onkel, Cousinen, Cousinen zweiten Grades, Cousinen dritten Grades, Menschen, die ich noch nie gesehen hatte und die trotzdem behaupteten, „Familie“ zu sein. Mein Zimmer verwandelte sich in eine Mischung aus Marktplatz und Wahlkampfveranstaltung. An Erholung war nicht zu denken. Meine Tochter wurde wie ein Wanderpokal herumgereicht, und ich bekam sie nur zurück, wenn jemand eine frische Tasse Kaffee brauchte.

Während ich verzweifelt versuchte, meine Augen offen zu halten, bauschte sich die Situation auf wie eine unerwartete Riesenwelle, die selbst erfahrene Surfer vom Brett fegt. Mein Mann ist so beliebt, dass ich manchmal ernsthaft überlege, ob er heimlich ein zweites Leben als lokaler Promi führt? Jedenfalls verbreitete sich die Nachricht von der Geburt unserer Tochter schneller als ein Sonderangebot im Sommerschlussverkauf. Kaum hatte ich einmal geblinzelt, standen plötzlich Schulfreunde im Zimmer, die mein Ehegatte seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Dann marschierte die komplette Basketballmannschaft ein, inklusive Ersatzspieler, Trainer, Wasserträger und vermutlich auch der Typ, der sonst nur die Bälle aufpumpt. Irgendwann wurde es so voll, dass sich im Flur eine Art inoffizielle Warteschlange bildete, als würden alle darauf hoffen, gleich ein Autogramm vom Baby zu bekommen. Das Zimmer platzte aus allen Nähten, und ich fühlte mich wie ein lebendiges Museumsstück: „Hier sehen Sie die frischgebackene Mutter in ihrem natürlichen Habitat. Bitte nicht füttern, sie könnte einschlafen.“

Als wir endlich nach Hause durften, klammerte ich mich an die naive Hoffnung auf ein bisschen Ruhe. Welch ein Denkfehler meinerseits! Kaum hatten wir die Tür hinter uns geschlossen, meldete sich die Klingel mit der Ausdauer eines Marathonläufers. Menschen, die es nicht ins Krankenhaus geschafft hatten, tauchten nun bei uns auf, als hätten sie Tickets für eine exklusive Premiere ergattert. Unser Wohnzimmer verwandelte sich innerhalb von Minuten in eine Mischung aus Bahnhof zur Stoßzeit und improvisiertem Empfangskomitee. Ständig strömten neue Besucher herein, manche schwer bepackt mit Geschenken, andere bewaffnet mit ungefragten Erziehungstipps, wieder andere einfach nur mit dem festen Willen, „mal kurz vorbeizuschauen.“

Natürlich verstehe ich, dass in südeuropäischen Kulturen eine Geburt nicht einfach ein Familienereignis ist, sondern eher einem Champions‑League‑Finale gleicht, bei dem jeder unbedingt dabei sein möchte. Die Freude ist riesig, die Begeisterung grenzenlos und die Herzlichkeit so überwältigend. Nur scheint in all diesem Jubel niemand auf die Idee zu kommen, einmal kurz an die Mutter zu denken. Wochenbett? Das kennt man auf der Insel nicht. Die Euphorie überstrahlt alles, sogar die Bedürfnisse derjenigen, die gerade ein kleines Wunder vollbracht hat.

Am Ende blieb mir nur eine Erkenntnis: Auf Mallorca bekommt man nicht nur ein Kind, man bekommt gleich eine ganze Gemeinde dazu. Während ich mich noch fragte, ob ich jemals wieder schlafen würde, strahlte meine Schwiegermutter mich an und verkündete fröhlich: „Mañana venimos otra vez.“ Morgen kommen wir wieder. Natürlich.

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Nevater