Osterbäckerei
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber manche Tage hier auf Mallorca fühlen sich an wie eine Prüfung in einem Fach, das man nie belegt hat. So ein Tag war meine erste große Osterbäckerei mit der mallorquinischen Familie meines Mannes. Schon am Vormittag des Gründonnerstags war die Küche meiner Schwiegermutter voller Stimmen, voller Energie und voller Teig. Ich war noch nicht richtig wach, die Familie dagegen arbeitete, als hätte sie die Nacht im Backofen verbracht. Jeder wusste genau, was zu tun war, nur ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt.
Zuerst kamen die Panades an die Reihe. Diese unscheinbaren kleinen Teigkörbchen wirken auf den ersten Blick harmlos, doch in Wahrheit sind sie präzise Miniarchitekturen, die nur mit ruhiger Hand gelingen. Die Mutter meines Mannes formte den Teig mit einer Sicherheit, die an eine erfahrene Bildhauerin erinnerte, die seit Jahrzehnten perfekte Rundungen erschafft. Meine eigenen Versuche sahen dagegen aus wie leicht verbeulte Blumentöpfe nach einem Windstoß. Der Teig klebte an meinen Fingern, an der Schürze und an meinem Selbstvertrauen. Trotzdem gab ich mir große Mühe, jede einzelne Empanada so zu schließen, dass sie nicht schon beim Anblick des Ofens auseinanderfällt.
Die Füllungen waren ein eigenes Kapitel. Es gab Varianten mit Fleisch und Erbsen, mit Gemüse, mit Fisch und mit geheimen Zutaten, über die niemand sprach, als wären es Staatsgeheimnisse. Um später zu erkennen, was in welcher Panada steckt, gibt es ein ausgeklügeltes System. Eine Erbse oben drauf bedeutet dies, ein Gabelstich bedeutet das, ein kleines Muster bedeutet wieder etwas anderes. Für die Familie ist das so selbstverständlich wie für mich der Unterschied zwischen Kaffee und Tee.
Mir entging dieses System vollständig. Ich drückte, formte, drehte und schwitzte, bis mehrere Panades endlich halbwegs ordentlich aussahen. Niemand bemerkte sofort, dass sie unmarkiert waren. Erst als mein Schwager das Blech betrachtete, entstand eine Stille, die so dicht war, dass man fast das Atmen des Teiges hören konnte. Mehrere Panades lagen dort ohne jede Kennzeichnung. Die Blicke der Familie wanderten langsam zu mir, als hätte ich gerade ein heiliges Ritual unterbrochen.
Die Reaktion war ein kollektives Lachen, das die Wände erzittern ließ. So entstanden die ersten Überraschungspanades der Familie, die nun offiziell meinen Namen tragen. Ein kulinarisches Roulette, das bis heute für Spannung sorgt.
Nach dem Mittagessen, das selbstverständlich aus den frisch gebackenen Panades bestand, ging das Programm weiter. Die Rubiols waren an der Reihe, süße Teigtaschen, die aussehen, als hätten sie sich für ein Fest fein gemacht. Gefüllt wurden sie mit Schokolade, Aprikosenmarmelade oder mit Engelshaar. Dieser Name klingt romantisch, fast kitschig, doch dahinter steckt eine sehr konkrete Masse. Engelshaar besteht aus den langen, dünnen, karamellisierten Fasern eines speziellen Kürbisses, der cabello de ángel heißt.
Die Tochter der Cousine meines Mannes betrachtete mich aufmerksam, schaute auf meine blonden Haare und dann auf die Schüssel mit Engelshaar. Mit ernster Stimme erklärte sie, dass diese Rubiols eindeutig mit meinem Haar gefüllt seien. Schließlich seien Engel blond, ich sei blond, also sei die Sache klar wie das Meer im Winter.
Die Crespells bildeten den Abschluss. Diese Osterplätzchen waren endlich ein Terrain, auf dem ich glänzen konnte. Der Teig ließ sich brav ausrollen, die Formen wurden sauber ausgestochen und die Familie staunte, als hätte ich gerade ein kleines Wunder vollbracht. In diesem Moment fühlte ich mich wie die inoffizielle Botschafterin deutscher Weihnachtsbäckerei im mallorquinischen Osteruniversum.
Seit dieser legendären Osterbäckerei gibt es zwei neue Backkreationen im mallorquinischen Clan. Die Überraschungspanades, deren Inhalt niemand kennt, und die Rubiols, die mit meinem Haar gefüllt sind. Eine Vorstellung, die zugleich schmeichelhaft und leicht beunruhigend wirkt. Vielleicht ist das der Preis dafür, wenn man versucht, sich in eine fremde Backkultur hineinzukneten, oder einfach eine besonders deliziöse Form des Familienhumors.