Schneckenessen
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber Mallorca hat viele Traditionen, die man als Zugezogene erst einmal verdauen muss. Manche leichter, manche schwerer, manche gar nicht. Die Schnecken im Frühling gehören eindeutig zur dritten Kategorie. Jedes Jahr am 25. April, dem Tag des Heiligen Markus, verwandelt sich die Insel in ein Paradies für Menschen, die glauben, dass kleine schleimige Kriecher ein Wundermittel gegen alles sind, was zwickt, zwackt oder moralisch wackelt. Die Mallorquiner essen sie mit einer Überzeugung, als hätten sie persönlich erlebt, wie eine Schnecke jedes Zipperlein vertrieben hätte.
Der Glaube dahinter ist uralt. Schnecken sollen den Körper reinigen, die Lunge stärken und das Immunsystem auf Vordermann bringen. Manche behaupten sogar, sie würden Glück bringen. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der nach einer Portion Schnecken im Lotto gewonnen hat, aber Traditionen leben nicht von Beweisen. Sie leben von Geschichten, die so oft erzählt wurden, dass niemand mehr fragt, ob sie stimmen.
Vor ein paar Jahren war ich bei einem solchen Schneckenessen eingeladen. Eine Finca irgendwo im mallorquinischen Hinterland, ein Freund meines Mannes, stolzer Besitzer einer eigenen Schneckenzucht. Schon beim Aussteigen aus dem Auto wusste ich, dass dieser Abend mich an meine Grenzen bringen würde. Der Geruch, der aus dem Innenhof kam, erinnerte an eine Mischung aus feuchter Erde, altem Keller und einem Hauch von etwas, das man nur mit sehr viel Fantasie als kulinarisch bezeichnen kann. Meine Nase versuchte zu fliehen, mein Körper schritt tapfer voran.
In der Mitte des Hofes stand ein Topf, der so groß war, dass man ihn problemlos auch als Badewanne hätte nutzen können. Darin kochten Schnecken, die seit Stunden in einer Brühe schwammen, die aussah wie ein Hexentrank. Der Gastgeber erklärte mir mit ernster Stimme, dass seine Schnecken zum Schluss nur noch mit Mehl gefüttert würden. Sobald sie helle Ausscheidungen hätten, seien sie bereit für den Verzehr. Ich nickte, obwohl ich innerlich schrie. Der Gedanke, dass ein Tier erst durch seine Verdauung zum Festmahl wird, überstieg meine Vorstellungskraft. Trotzdem blieb ich neugierig. Ich wollte verstehen, warum Menschen so begeistert von etwas sind, das aussieht wie ein nasser Kieselstein mit Fühlern.
Die Männer standen um den Topf, als würden sie ein heiliges Ritual vollziehen. Die Frauen deckten den Tisch, als erwarteten sie einen Staatsbesuch. Ich beobachtete alles mit echter Wissenslust. Nur essen konnte ich nicht. Meine innere Stimme sagte mir, dass ich mich nicht überwinden würde. Einmal hatte ich es getan. Damals, als mein Mann mich dem ganzen mallorquinischen Clan vorstellte. Ein Mittagessen, ein langer Tisch, viele Verwandte, und mitten im arroz brut lagen Schnecken, die mich ansahen, als wollten sie sagen: Du kommst hier nicht raus. Ich lächelte tapfer, nahm eine Gabel und tat, was getan werden musste. Es war das erste und letzte Mal.
Auf der Finca blieb ich standhaft. Die Freunde meines Mannes machten sich natürlich über mich lustig. Einer rief, ich sei die einzige Person auf der Insel, die an Sant Marc lieber verhungere, als eine Schnecke zu essen. Ich lächelte höflich und dachte an meinen längst ausgeklügelten Plan B. Sobald das große Kriechtieressen vorbei war, verabschiedete ich mich freundlich, stieg ins Auto und befahl meinem Mann, mich zu einem Ort zu kutschieren, an dem man nichts identifizieren muss, bevor man es isst. Ein Gebäude mit leuchtenden Farben, das nach Frittieröl und Erlösung riecht. Dort bestellte ich ein Menü, das garantiert keine Fühler hatte.
Auf dem Heimweg dachte ich über die Schnecken nach. Sie sind langsam, geduldig und zäh. Vielleicht lieben die Mallorquiner sie genau deshalb. In einer Welt, die immer schneller wird, feiern sie das Langsame. Sie kochen es, essen es, glauben daran. Ich werde diese Tradition weiterhin mit Respekt betrachten, aus sicherer Entfernung. Wenn ich dieses Jahr, am heiligen Markus Tag durch das Dorf gehe und den typischen Duft in der Luft rieche, weiß ich, dass irgendwo wieder ein Topf voller Schnecken blubbert. Die Mallorquiner werden lachen, Wein trinken und Geschichten erzählen. Ich werde lächeln, tief durchatmen und weitergehen.