Inselblind

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber irgendwann wird jeder, der lange genug auf Mallorca lebt, inselblind. Das klingt zunächst wie eine jener skurrilen Beschwerden, die man sich an einem heißen Nachmittag in einer Dorfbar ausdenkt, zwischen zwei Cafés und drei ungefragten Ratschlägen eines älteren Mallorquiners, der grundsätzlich alles besser weiß. Dennoch bin ich überzeugt, dass es diese Inselblindheit tatsächlich gibt. Sie befällt Zugezogene ebenso zuverlässig wie Einheimische und macht vor niemandem Halt.

Die Inselblindheit beginnt harmlos. Anfangs bewundert man alles. Man fährt durch die Landschaft und betrachtet jede Trockensteinmauer wie ein architektonisches Weltwunder. Man entdeckt kleine Dorfplätze mit der Begeisterung eines Forschers, der gerade einen verschollenen Kontinent gefunden hat. Man spricht über Mallorca, als wäre man persönlich von der Inselregierung mit der Aufgabe betraut worden, die Schönheit dieses Fleckchens Erde möglichst vielen Menschen zu erklären.

Doch dann kommt der Alltag, ein gnadenloser Gegner jeder Romantik.

Irgendwann fährt man dieselben Straßen nicht mehr mit staunenden Augen entlang, sondern mit einer Einkaufsliste im Kopf. Man denkt an Termine, Rechnungen, Steuerunterlagen, kaputte Haushaltsgeräte und die Frage, warum das Internet ausgerechnet dann nicht funktioniert, wenn man es dringend benötigt. Die Landschaft bleibt dieselbe, aber der Blick verändert sich. Wo früher Bewunderung war, regiert plötzlich Gewohnheit.

Neulich saß ich in meinem Auto und wartete hinter einem Lieferwagen, dessen Fahrer offenbar beschlossen hatte, die Strecke mit der Geschwindigkeit einer müden Landschildkröte zurückzulegen. Während ich zunehmend ungeduldig wurde, fiel mein Blick auf die Umgebung. Dort lagen dieselben Felder, dieselben Steinmauern und dieselben Berge, die jedes Jahr auf Millionen Urlaubsfotos landen. Menschen sparen monatelang für eine Reise hierher. Sie träumen von genau diesem Anblick, während sie in deutschen Büros sitzen und auf den Kalender starren wie Gefangene auf den letzten Tag ihrer Haftzeit. Und ich? Ich ärgerte mich über einen Lieferwagen.

In diesem Moment musste ich über mich selbst lachen, denn genau so sieht Inselblindheit aus.

Man lebt auf einer Insel, die in den Köpfen vieler Menschen beinahe mythische Ausmaße angenommen hat. Mallorca wird beworben, fotografiert und beschrieben, als wäre sie das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Mutter Natur, einem Luxusmagazin und einer Werbeagentur mit unbegrenztem Budget. Gleichzeitig diskutieren wir Bewohner über Parkplätze, Kreisverkehre, Müllabfuhr, Bauvorschriften und Nachbarschaftsstreitigkeiten mit einer Leidenschaft, als hinge die Zukunft Europas von diesen Themen ab.

Das Faszinierende daran ist, dass dieser Zustand nichts mit Undankbarkeit zu tun hat. Der Mensch ist schlicht ein Gewohnheitstier. Schenkt man ihm ein Schloss, spricht er nach ein paar Monaten über zugige Fenster. Wohnt er auf einer Yacht, kreisen die Gespräche irgendwann um Wartungskosten und den Zustand des Motors. Und selbst im Paradies gäbe es vermutlich spätestens nach zwei Wochen jemanden, der sich darüber beschwert, dass das WLAN ständig zusammenbricht. Wir Menschen besitzen ein bemerkenswertes Talent, selbst aus dem Außergewöhnlichen irgendwann Alltag zu machen.

Gerade deshalb amüsiere ich mich immer wieder über jene Menschen, die glauben, ein Leben auf Mallorca sei eine einzige Postkarte. Sie stellen sich vor, wir würden morgens mit Blick aufs Meer frühstücken, nachmittags unter Palmen spazieren und abends philosophische Gespräche bei Sonnenuntergang führen. In Wahrheit suchen wir oft genug einen Parkplatz, stehen im Stau, warten auf Handwerker oder ärgern uns über Bürokratie. Die Insel verwandelt den Alltag nicht in ein Märchen. Sie liefert lediglich eine deutlich schönere Kulisse dafür.

Ist das die eigentliche Definition von Heimat, jener Ort, dessen Besonderheiten man nicht mehr täglich bemerkt? Nicht weil sie verschwunden wären, sondern weil sie selbstverständlich geworden sind. Die Berge stehen immer noch, das Meer glitzert weiterhin und viele Dörfer erscheinen nach wie vor pittoresk. Nur wir haben aufgehört, regelmäßig hinzusehen. Oft genügt ein kurzer Blick aus dem Autofenster, um festzustellen, dass man noch immer an einem außergewöhnlichen Ort lebt und nicht bloß auf dem Weg zum Supermarkt ist. 

Zurück
Zurück

Akustikparken

Weiter
Weiter

March