Akustikparken

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber wenn ein Deutscher sein Auto nach Mallorca verschifft oder im Urlaub seinen geliebten Mittelklassewagen über die Insel lenkt, hat er immer etwas im Gepäck, das schwerer wiegt als jeder Koffer, nämlich den heiligen Lack. Daheim ist das Auto schließlich ein vollwertiges Familienmitglied, das sonntags gestreichelt und samstags feierlich durch die Waschstraße geschoben wird. Kaum betritt dieses polierte Heiligtum mallorquinischen Boden, landet es in einer Dimension des Straßenverkehrs, auf die weder die Fahrschule noch der Automobilclub je vorbereitet haben. Willkommen in der mallorquinischen Autophilosophie, die ich nach zwanzig Jahren Inselverkehr mit gutem Gewissen als Weltanschauung bezeichne.

Beginnen wir beim Einparken. In Deutschland ist das eine Hochpräzisionssportart, für die man Rückfahrkamera, Ultraschallsensoren und notfalls das Geodreieck aus der Schulzeit bemüht, bis der Wagen millimetergenau parallel zum Bordstein steht, als hätte ihn ein Statiker dort abgestellt. Auf Mallorca braucht es dafür keinerlei Elektronik, denn hier parkt man akustisch. Das Prinzip ist denkbar schlicht. Man setzt zurück, es macht rummms, und damit ist der Hintermann gefunden. Dann legt man den ersten Gang ein und zieht nach vorne, es macht schepper, und schon weiß man, dass es die Mülltonne war. Der Parkvorgang beginnt nämlich erst richtig, wenn es kracht. Ein mallorquinischer Autofahrer denkt bei einem gepflegten Knirschen keineswegs an den Karosseriebauer, sondern an den einen Meter, der ihm noch zur perfekten Lücke fehlt, und dass es schon irgendwie passen wird. Stoßstangen heißen auf Spanisch immerhin parachoques, also Stoßfänger, und wer Dinge erfindet, um Stöße zu fangen, der will auch, dass sie ihrer Bestimmung zugeführt werden. Alles andere wäre schließlich eine Verschwendung von Ingenieurskunst.

Sollte es an einer Kreuzung doch einmal zu einem unaufschiebbaren Austausch von Körperlichkeiten zwischen zwei Fahrzeugen kommen, sprich, man fährt dem Vordermann mit Hingabe ins Heck, dann verläuft das Ganze auf eine Weise, die jeden Yogalehrer neidisch machen würde. Beide steigen aus, der Mallorquiner nippt womöglich noch an seinem Café con Leche, wirft einen kurzen Blick auf die Bescherung und klopft ein wenig Staub vom Scheinwerfer. Springt die Delle nicht sofort ins Auge wie ein Leuchtturm bei Nacht, reicht man sich die Hand, wünscht dem anderen einen schönen Tag und fährt weiter. Es kann ja mal vorkommen, und das sagt der Mallorquiner mit einem Schulterzucken, das älter ist als die Kathedrale.

Dann betritt der Deutsche die Bühne, ob als Tourist oder als Resident, der nach fünfzehn Jahren auf der Insel immer noch nichts begriffen hat. Sobald das Wort Kratzer auch nur gedanklich im Raum steht, läuft bei ihm das Notfallprotokoll an. Das Auto trägt eine Schramme im Lack, kaum größer als eine Ameise, und der Besitzer verfällt in eine Schnappatmung, die man sonst nur bei Menschen beobachtet, die ihren Reisepass im Taxi vergessen haben. Die Hände schießen zum Smartphone, und plötzlich müssen die Polizei, der ADAC und im Zweifel auch die amerikanische Küstenwache her. Es wird ein Unfallprotokoll aufgesetzt, das an Umfang und Präzision die Genfer Konventionen in den Schatten stellt, Maßbänder werden gezückt, Fotos aus siebzehn Blickwinkeln geschossen und Zeugen befragt, als gehe es um ein Verbrechen von globaler Tragweite.

Beobachten mallorquinische Passanten oder der einheimische Unfallgegner dieses Schauspiel, bricht regelmäßig stiller Jubel aus, denn deutsche Gründlichkeit ist für sie das beste Unterhaltungsprogramm seit der Erfindung des Inselkinos. Madre mía, was für ein Aufstand! Man möchte dem verzweifelten Wutbürger aus Wuppertal am liebsten väterlich über den Kopf streichen und sich besorgt erkundigen, ob das Auto denn noch fahre. Natürlich fährt es noch, schnaubt er dann empört, was den Mallorquiner zu der völlig logischen Schlussfolgerung bringt, dass es dann doch gar keinen Grund gibt, so ein Theater zu veranstalten.

Auch beim Wocheneinkauf zeigt sich die gelassene Seele dieser Insel. Der Einkaufswagen macht sich auf dem Supermarktparkplatz selbständig und rollt mit Schwung gegen die Beifahrertür? Tja, das kommt vor. Das ist kein Totalschaden, das ist Patina. Ein Auto ohne Schrammen ist auf Mallorca ungefähr so vertrauenerweckend wie ein Gesicht ohne Lachfalten, nämlich irgendwie verdächtig und völlig ohne Geschichte.

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