Plazaregierung
Es ist, wie es ist, meine lieben Leser, aber die wahre Regierung Mallorcas sitzt weder im Parlament an der Born Promenade noch im edlen Rathaus von Palma, sondern auf einer wettergegerbten Holzbank unter der Platane einer ganz gewöhnlichen Dorfplaza.
Wer nun glaubt, ich übertreibe maßlos, kennt die Insel nicht mit jener tiefen, leicht melancholischen Gründlichkeit, die man erst nach jahrelanger Feldstudie erwirbt. Die mallorquinische Bank auf dem Dorfplatz ist nämlich kein harmloses Möbelstück der städtischen Möblierung. Sie ist Nachrichtenzentrale, Beobachtungsposten, Hochleistungs Meinungsinstitut, unerbittliches Familienarchiv und gelegentlich das oberste Schnellgericht für gesellschaftliche Verfehlungen aller Art.
Dort verharren sie, jene Herren in ihren knittrigen Hemden und jene unverwüstlichen Damen in ihren makellos gebügelten Blusen, die auf den ersten flüchtigen Blick so wirken, als hätten sie seit dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft nichts anderes getan, als stoisch die Sonne anzuschauen und schwachen Cafe con Leche zu trinken. In Wahrheit jedoch führen sie hochkomplexe, empirische Studien über alles durch, was sich im Mikrokosmos zwischen Kirche, Bäckerei und dem örtlichen Spar Markt bewegt.
Man erkennt die Besetzung dieses inoffiziellen Inselrats schon aus sicherer Entfernung. Die Arme verschränkt, die Körperhaltung von einer tiefen, Urzeiten überdauernden Entspannung geprägt, die Aufmerksamkeit hingegen messerscharf, durchaus vergleichbar mit einem hocheffizienten Grenzbeamten kurz vor Dienstschluss, der den Schmuggler seines Lebens wittert. Kein Mietwagen rollt vorbei, ohne dass das Kennzeichen registriert wird. Kein Hund wird auf dem Pflaster ausgeführt, ohne dass seine Abstammung und die Erziehungsmethoden des Halters einer feinsinnigen Prüfung unterzogen werden. Und kein neuer Schicksalsgenosse zieht ins Dorf, ohne dass spätestens am nächsten Morgen seine halbe Lebensgeschichte samt verschwiegener Steuerschulden auf der Plaza bekannt ist.
Dabei fällt im Übrigen kein einziges böses Wort. Lautstarker Klatsch wäre viel zu plump, viel zu unbeherrscht. Ein minimal angehobener Augenbrauenbogen genügt vollkommen. Ein kurzes, kehliges „Ah“. Oder sogar nur ein langgezogenes, schwangeres Schweigen, das mehr Gewicht trägt als eine ganze Leitartikel Serie im Diario de Mallorca. Während deutsche Auswanderer für dieselbe Informationsdichte drei WhatsApp Gruppen, zwei epische Sprachnachrichten und eine farblich sortierte PowerPoint Präsentation benötigen würden, erledigt die mallorquinische Rentnerbank das gesamte Universum menschlicher Makel mit einem einzigen, ungläubigen Blick.
Ich erinnere mich lebhaft an einen Zugezogenen, der eines Morgens beschloss, seinen Zaun in einem frischen Schwung zu streichen. Eine private Angelegenheit, sollte man meinen. Um zehn Uhr kaufte er die Farbe. Um halb elf diskutierte die Bank über den ästhetischen Niedergang des Ensembles. Um sechzehn Uhr existierten bereits drei schlüssige psychoanalytische Theorien über seine verfehlte Kindheit, und zwei Tage später war aus dem Gartenzaun ein internationales Ereignis geworden.
Während große Medienhäuser verzweifelt Redaktionen zusammenlegen, genügt auf Mallorca eine Schattenbank unter einem Baum. Doch es wäre ein fataler Irrtum, diese Einrichtung für bloße Tratscherei zu halten. Ihre eigentliche, tiefere Aufgabe ist eine heilige, denn sie hält die Gemeinschaft zusammen. Dort fällt sofort auf, wenn die Witwe von der Nebenstraße morgens nicht zum Bäckereiladen geht. Dort weiß man, wer Hilfe beim Tragen braucht und welcher verlorene Enkel aus Barcelona gelandet ist. Hinter aller Beobachtung steckt oft mehr stumme Fürsorge als Neugier.
Sicher, es gibt spektakuläre Fehleinschätzungen. Ein Tourist im gemieteten Fiat Panda hält orientierungslos an, studiert verzweifelt eine Karte und wird binnen Minuten zum Spekulationsobjekt. Sucht er Land? Will er das Dorf aufkaufen? Sucht er die Liebe seines Lebens? Am Ende wollte er bloß die Tankstelle. Doch Irrtümer gehören zum Geschäft.
Während Influencer ihren Hafer Cappuccino aus zwölf verschiedenen Winkeln fotografieren, als handele es sich um die Mondlandung, bleibt die Bank unbewegt. Sie hat Generationen kommen und gehen sehen. Wenn Sie also das nächste Mal über eine Plaza gehen und spüren, dass Blicke auf Ihrem Rücken brennen, dann bilden Sie sich das nicht ein. Die gute Nachricht ist, Sie wurden erfasst. Die schlechte ist, dass Ihre Geschichte bereits erzählt wird, und das, meine lieben Leser, bevor Sie selbst wissen, wie sie ausgeht.