Ankommen
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber die Annahme, ein Mallorquiner warte in seiner Dorfbar sehnsüchtig auf die Freundschaft eines frisch eingetroffenen Mitteleuropäers, gehört zu den niedlichsten Wahnvorstellungen der modernen Migrationsgeschichte.
Wer glaubt, mit einem fröhlichen Hallo und der kernigen Behauptung, man liebe die Insel doch genauso wie die Einheimischen, sofort zur herbstlichen Matanza eingeladen zu werden, hat die balearische Psyche ungefähr so gründlich verstanden wie ein Pauschaltourist den Sinn von Mittagsruhe.
In Wahrheit betrachtet der Ureinwohner der Insel jeden Neuankömmling zunächst mit einer Mischung aus jahrhundertealter Skepsis und stoischer Gelassenheit, die an die Widerstandskraft prähistorischer Steinmauern erinnert.
Wir Deutsche schweben ja gerne mit der majestätischen Selbstsicherheit eines Adlers in das Leben dieser Menschen, bewaffnet mit drei Brocken Spanisch aus der Duolingo App und dem festen Vorsatz, das Herz der mallorquinischen Nachbarn im Sturm zu erobern.
Leider basiert die lokale Beziehungsarchitektur nicht auf schneller Begeisterung, sondern auf dem geduldigen Aussitzen von Fremden, die ohnehin nach drei Wintern wieder entnervt ihre Koffer packen und endlich zurück in ihr Land verschwinden.
Ein einziger falscher Satz zur falschen Zeit in der dorfeigenen Bäckerei kann Sie hier für Jahre in die kalte Isolation der ewigen Urlauberkategorie verbannen.
Man muss verstehen, dass die Freundschaft eines Mallorquiners nicht wie ein Fast-Food-Menü an der Kasse bestellt wird, sondern eher reift wie ein guter Käse in einem feuchten Keller.
Die allererste Hürde besteht darin, die Illusion aufzugeben, man könne mit deutscher Pünktlichkeit oder ungefragten Ratschlägen zur Mülltrennung irgendwelche Punkte sammeln.
Stattdessen erfordert der Prozess eine beachtliche Dosis Demut, gepaart mit der Fähigkeit, stundenlang schweigend auf einem wackligen Holzstuhl zu sitzen und so zu tun, als verstehe man den lokalen Dialekt in seiner vollen Tiefe.
Wer bei der Bestellung des morgendlichen cafe con leche versehentlich die falsche Milchsorte wählt, hat in den Augen des Barbesitzers bereits seine spirituelle Reife für dieses Eiland verwirkt.
Selbst der stolze Erwerb einer alten Finca macht aus niemandem einen Einheimischen, solange die Olivenbäume im Garten die eigene Anwesenheit noch als vorübergehende Laune der Natur betrachten.
Regelmäßige Präsenz ist das magische Zauberwort, welches Türen öffnet, die vorher fester verschlossen waren als die Pforten einer Banca March am Feiertag.
Nichts fasziniert den Einheimischen mehr als die erstaunliche Tatsache, dass ein Fremder auch bei strömendem Novemberregen noch an derselben Theke steht und nicht panisch den nächsten Rückflug gebucht hat.
Nach etwa vierhundertfünfzig schweigend getrunkenen Hierbas, wird dem Wirt langsam die Erkenntnis dämmern, dass der Fremde in der Bar eventuell gekommen ist, um für immer zu bleiben.
Plötzlich erfolgt dieser eine weltbewegende Moment, in dem der bewirtende Mann hinter dem Tresen nicht mehr nur nickt, sondern ein kurzes Wort über das Wetter fallen lässt. Solch ein linguistischer Durchbruch muss mit der inneren Würde eines Nobelpreisträgers entgegengenommen werden, ohne direkt in freudiges Schluchzen auszubrechen oder eine Einladung zum Abendessen auszusprechen.
Überstürzte Vertraulichkeit ist der tödlichste Giftpfeil für jede beginnende Inselfreundschaft. Geduld wird hier nicht als Tugend gemessen, sondern als knallharte Währung gehandelt, mit der man sich mühsam Millimeter für Millimeter in die Dorfgemeinschaft einkauft.
Manchmal frage ich mich beim Beobachten der frisch zugezogenen Glücksritter, ob sie ahnen, wie viele Jahreszeiten sie noch schweigend an der Bushaltestelle verbringen müssen, bevor man ihnen den Namen des besten Mechanikers verrät.
Meist braucht es zusätzlich noch den gemeinsamen Kampf gegen eine sommerliche Hitzewelle oder das stille Mitleid mit dem kaputten Traktor des Nachbarn, bevor der eiserne Vorhang endgültig fällt. Dieses ungeschriebene Gesetz schützt die Insel vor der Invasion der Besserwisser, die alles umgestalten wollen, bevor sie überhaupt den Namen der Patronin gelernt haben.
Sobald Sie einigermaßen die Sprache gelernt haben, verstanden, dass man nicht zu jedem Thema seine Meinung äußern muss, und eingesehen, dass Arroganz sowie Besserwisserei auf Mallorca ungefähr so beliebt sind wie ein Regenschirmverkäufer im Hochsommer, dann werden Sie belohnt. Die ehrwürdige Festung aus Schweigen gewährt Ihnen Zutritt zu einer Form von mallorquinischer Loyalität, die beständiger ist als mancher Ehevertrag und verlässlicher als jede notarielle Vereinbarung.