Mallorcajahr

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, doch wer glaubt, Mallorca sei nur Sommer, Strand und Sangría, der ist vermutlich im August zu früh wieder abgereist. Mallorca zeigt sich in Jahreszeiten, in Festen, in Mandelblüten und Regenschauern, in stillen Januarmorgen und lärmenden Julinächten. Sie ist voller Überraschungen, poetisch, widersprüchlich, manchmal chaotisch, aber stets bezaubernd.

Januar. Das Paradies im Mittelmeer schläft, aber nicht leise. Der Wind pfeift durch die Gassen wie ein alter Wasserkocher kurz vor dem Aufgeben. Die Einheimischen murmeln „hace frío“ mit einer Dramatik, als stünden wir in Sibirien. Mandelbäume beginnen zu blühen, zart und doch entschlossen, als wollten sie verkünden: „Schönheit ist Pflicht.“

Februar. Die Mandelblüte entfaltet sich wie ein Feuerwerk der Natur. Mallorca wirkt, als sei ein verliebter Konditor über sie hergefallen und habe sie großzügig mit rosa und weißem Zuckerguss verziert. Die Stille und die Schönheit erscheinen beinahe ehrfürchtig, als hielte die Insel einen Moment inne, um sich selbst zu bewundern.

März. Die Sonne beginnt zu flirten. Nicht aufdringlich, eher wie ein Dichter, der seine Verse in warmen Strahlen über die Felder streut, in der Hoffnung, dass sie bei seiner Muse ankommen. Das Frühjahr tastet sich heran wie ein Salamander, der vorsichtig aus seinem Steinversteck kriecht, um zu prüfen, ob die Sonne wirklich schon bereit ist zu wärmen.

April. Mallorca wird lebendig. Märkte duften nach Orangen, Feste machen Hoffnung. Über den Dächern tanzen bunte Wimpel im Wind wie flatternde Versprechen. Die Felder leuchten in sattem Grün und Gelb, als hätten sie den Winter endgültig abgeschüttelt. Selbst die Bergziegen scheinen zu feiern, sie klettern auf Trockenmauern wie auf eine Bühne und blöken in verschiedenen Tonlagen.

Mai. Jetzt gibt es kein Halten mehr, der Sommer steht vor der Tür. Bougainvillea blüht in Farben, die Pantone noch nicht erfunden hat. Die Luft riecht nach Salz, Zitronen und Sonnencreme. In den Gärten hängen die ersten Aprikosen wie kleine Sonnen, bereit, gepflückt und in Marmelade verwandelt zu werden.

Juni. Strände füllen sich, Nächte werden länger. Die Hitze kommt nicht mehr auf Zehenspitzen, sondern mit offenen Armen. Auf den Zypressen zirpen Zikaden wie lebendige Metronome, während die Orangenbäume still zusehen. Der Wind vom Meer klingt wie ein Versprechen nach Abkühlung, das er selten einlöst.

Juli. Mallorca glüht! Nicht vor Leidenschaft, sondern vor Sonne, die sich wie ein übermotivierter Grillmeister aufführt. Touristen röten sich zuverlässig in drei Schichten: Hummer, Tomate, dann Krepp. Flip-Flops geben auf und verwandeln sich in amorphe Gummiwesen, die an der Promenade kleben wie moderne Kunst.

August. Alles brennt. Touristen fragen sich, ob über 40 Grad normal ist. Ehe sie sich versehen, verdunstet das Bier im Krug, bevor es den Mund erreicht. Schatten sind rar wie Parkplätze im Zentrum von Palma. Die Luft steht still, als würde die Insel kollabieren.

September. Ein Aufatmen geht durch Mallorca. Touristen werden weniger, Farben wärmer. Abende riechen nach Feigen und Oliven, Gespräche auf den Terrassen werden langsamer. Die Einheimischen kehren zurück an ihre Lieblingsplätze, als wollten sie sich still entschuldigen, dass sie sie im August gemieden haben.

Oktober. Der erste Regen fällt, nicht laut, sondern wie eine Erinnerung daran, dass auch Hitze und Staub eine Pause brauchen. Das Meer gehört nun den Warmblütern und den Möwen. Die Ernte beginnt: Oliven, Zitronen und Granatäpfel wandern in Körbe, nicht in Eile, sondern mit Bedacht. Es ist die Zeit, in der man wieder Platz hat – im Kopf, im Kalender, auf der Straße.

November. Manche Tage beginnen mit Nebel, der sich wie ein Gedicht über die Insel legt, und enden mit Licht, das sich nicht beeilt. In den Gärten hängen Zitronen, als wollten sie den Winter hinauszögern. Es riecht nach Kaminholz und Mandelschalen, nach Erde und Erwartung.

Dezember. Bunte Lichter schmücken Gassen und Fenster, als wollten sie die Dunkelheit vertreiben und die Herzen erleuchten. Familie bleibt der Mittelpunkt des Lebens, Zusammenhalt zählt. Mallorca verabschiedet sich ins neue Jahr mit Wärme, Liebe und der Erkenntnis, dass Menschlichkeit hier nicht Ausnahme, sondern Alltag ist.

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