Heilige
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber manchmal frage ich mich, ob Mallorca im Januar nicht einfach ein geheimes Trainingslager für Heilige, Teufel und leicht verwirrte Mitteleuropäer ist. Kaum hat man die letzten Reste der Roscones verdaut, stolpert man schon in die nächste Tradition, die so alt ist, dass selbst die ältesten Olivenbäume ehrfürchtig nicken. Die Rede ist natürlich von Sant Antoni und Sant Sebastià, den beiden Herren, die den Januar auf dieser Insel in ein loderndes Spektakel verwandeln, das irgendwo zwischen religiöser Verehrung, pyromanischer Begeisterung und kollektiver Grilltherapie liegt.
Sant Antoni, der gute Mann, gilt als Schutzpatron der Tiere. Seine Geschichte begann in der ägyptischen Wüste, wo er als Einsiedler lebte und sich mit Versuchungen herumschlug, die heute vermutlich als Reality-TV-Format verkauft würden. Er heilte Tiere, segnete sie und wurde später zum spirituellen Ansprechpartner für alles, was Fell, Federn oder gelegentlich schlechte Laune hat. Die Mallorquiner verehren ihn, weil er seit Jahrhunderten dafür sorgt, dass die Geschöpfe gesund bleiben, die Ernten gelingen und die Dorfbewohner einen Anlass haben, mitten im Winter ein Feuer zu entzünden, das so groß ist, dass man es vermutlich noch vom Mond aus sehen könnte.
Sant Sebastià hingegen war ein römischer Soldat, der sich weigerte, seinen Glauben aufzugeben. Er wurde mit Pfeilen beschossen, überlebte das Ganze auf wundersame Weise und wurde später zum Schutzpatron gegen Seuchen. Die Mallorquiner lieben ihn, weil er Palma im 16. Jahrhundert angeblich vor der Pest bewahrte. Seitdem bekommt er jedes Jahr eine Feier, die so laut, so bunt und so feurig ist, dass selbst die Tauben auf der Plaça Major kurz überlegen, ob sie nicht lieber nach Menorca auswandern sollten.
Beide Feste liegen im Jänner, fast Rücken an Rücken, was den Monat in eine Art heiligen Marathon verwandelt. Die Reihenfolge ist dabei klar: Erst Antoni, dann Sebastià. Man könnte meinen, die Insel bereite sich auf eine olympische Disziplin vor, bei der es darum geht, möglichst viele Feuerstellen in möglichst kurzer Zeit zu entzünden. Die Teufel tanzen, die Trommeln dröhnen, die Funken fliegen. Die Mallorquiner grillen, als gäbe es kein Morgen.
Palma treibt das Ganze auf die Spitze. Der Sant Sebastià ist dort die größte Winterfiesta, ein lokaler Feiertag, der die Stadt in ein brodelndes Meer aus Musik, Feuer und Menschen verwandelt. Bühnen stehen an jeder Ecke, die Bands spielen bis spät in die Nacht, die Straßen riechen nach Sobrasada, Rauch und einem Hauch von Abenteuerlust. Die Stimmung erinnert an eine Mischung aus Stadtfest, Rockkonzert und mittelalterlichem Ritual, bei dem man jederzeit damit rechnen könnte, dass ein Teufel aus einer Seitengasse springt und einem freundlich zuwinkt.
Die Mallorquiner verehren ihre Heiligen mit einer Leidenschaft, die man sonst nur bei Fußballspielen oder beim ersten Ensaimada-Biss nach einer langen Diät erlebt. Die Feste sind nicht nur Tradition, sie sind Identität. Sie verbinden Generationen, Dörfer und Familien. Sie schaffen Momente, in denen die Insel zeigt, dass sie im Winter keineswegs schläft, sondern vielmehr glüht, brennt und lebt. Die Feuer stehen für Reinigung, die Teufel für Versuchung, die Musik für Gemeinschaft. Die Grillroste für alles, was man mit genügend Mut und einer guten Marinade in ein kulinarisches Erlebnis verwandeln kann.
Ich frage mich, wie es wäre, wenn man diese Feste in Deutschland einführen würde? Vermutlich würde der erste Versuch bereits daran scheitern, dass irgendjemand eine Brandschutzverordnung zückt. Die Mallorquiner hingegen schaffen es, mit einer Selbstverständlichkeit Feuer zu entzünden, die jeden Feuerwehrmann in den Wahnsinn treiben könnte. Die Funken steigen, die Kinder lachen, die Großeltern nicken zufrieden. Die Heiligen schauen vermutlich von irgendwo oben zu und denken sich: „Gut gemacht, Mallorca. Sehr gut gemacht.“
Der erste Monat jedes Jahres ist voller Geschichten, die nach Rauch riechen, nach Musik klingen und nach Tradition schmecken. Sant Antoni und Sant Sebastià sind mehr als nur Namen im Kalender. Sie sind das Herz des Winters! Die Flamme, die wärmt, die Erinnerung, die bleibt.