Pedalerie

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber momentan erwacht Mallorca so langsam aus seinem Winterschlaf. Endlich sind die ersten Sonnenstrahlen da und schon wird die Insel zum Abenteuerspielplatz für zweirädrige Enthusiasten. Der Himmel zeigt ein Blau, das fast schon unverschämt strahlt und die Luft wirkt plötzlich leichter. Sogar das Meer glitzert, als hätte es sich extra herausgeputzt. Alles könnte so idyllisch sein, wenn da nicht eine Spezies wäre, die pünktlich zum Frühlingsbeginn in Scharen auftaucht. Man könnte fast meinen, die Insel hätte ein unsichtbares Schild aufgestellt, das genau in diesem Moment alle Radfahrer des Kontinents magisch anzieht.

Von Tag zu Tag steigt die Anzahl dieser unermüdlichen Pedalritter. Man erkennt sie schon von Weitem an ihren neonfarbenen Trikots, die aussehen, als hätten sie sich mit einem Regenbogen angelegt. Manche nennen sie Sportler, andere nennen sie Gäste, ich nenne sie liebevoll die Straßencowboys. Oder, je nach Tagesform, die Straßenrowdies. Manchmal radeln sie so entschlossen, dass man fast glaubt, sie würden für die Tour de France trainieren, nur eben auf der falschen Insel. Denn wer einmal hinter einer dieser Gruppen hergeschlichen ist, weiß genau, wovon ich spreche.

Ameisen schaffen es, in einer perfekten Linie zu marschieren. Kühe bewegen sich gemächlich hintereinander, ohne Chaos zu verursachen. Selbst Gänse meistern die Kunst der Ordnung. Nur die Fahrradfahrer auf Mallorca scheinen von diesem Prinzip nie etwas gehört zu haben. Sie breiten sich aus wie ein Picknick auf zwei Rädern und blockieren die Straßen, als gehörten sie ihnen allein. Das Hinterherschleichen wird zur Geduldsprobe, die selbst den friedlichsten Autofahrer an seine Grenzen bringt. Ein richtig egoistisches Verhalten, das man nur mit sehr viel Humor ignorieren kann.

Natürlich verstehe ich, dass sie die Insel genießen wollen. Wer könnte es ihnen verdenken? Mallorca ist schön, Mallorca ist sonnig, Mallorca ist ein Traum für alle, die gerne draußen unterwegs sind. Training gehört dazu, Ausdauer auch, aber ein bisschen Anstand wäre das Sahnehäubchen. Wahrscheinlich ist es kaum zu glauben, aber wir hier auf Mallorca verfügen tatsächlich über Mülleimer. Wahnsinn, oder? Ha, und wir benutzen sie sogar! Die Drahtesel‑Touristen hingegen scheinen zu meinen, dass die ganze Insel ein riesiger Müllhaufen ist. Deshalb fliegt regelmäßig ein Taschentuch in ein Feld, ein Papier vom Energieriegel landet mitten auf der Straße und eine leere Flasche rollt fröhlich in den Graben. Ist es wirklich so schwer, den Müll bis zum nächsten Behälter mitzunehmen?

Wahrscheinlich werden Sie es mir wieder nicht glauben, meine lieben Leser, aber die Zivilisation ist auch bei uns angekommen und hat uns neben den Mülleimern auch Toiletten beschert. Trotzdem gibt es immer wieder diese schamlosen Radkolonialisten, die sich an den Straßenrand stellen, ihr bestes Stück aus der Hose herausholen und es einfach laufen lassen. Manchmal hat man das Gefühl, die Herren glauben ernsthaft, sie würden damit einen Beitrag zur landwirtschaftlichen Bewässerung leisten. Ein Verhalten, das man nicht einmal in der tiefsten Wildnis durchgehen lassen würde, denn selbst ein Wolf sucht sich dafür ein Gebüsch.

An roten Ampeln hält man an. Das gilt für Autos, Motorräder, Fußgänger und ja, auch für Fahrradfahrer. Trotzdem huschen einige einfach weiter, als hätten sie einen Freifahrtschein. Beim Abbiegen sollte man ein Zeichen geben, damit niemand überrascht wird. Doch manche ziehen plötzlich rüber, als wollten sie testen, wie gut die Bremsen der anderen funktionieren. Rücksicht sieht anders aus.

Mallorca ist eine Insel voller Schönheit, voller Gastfreundschaft und voller Möglichkeiten. Jeder darf sie genießen, jeder darf sie erleben, jeder darf sie lieben. Doch wer hier unterwegs ist, sollte sich benehmen wie ein Gast, nicht wie ein Eroberer. Rücksicht kostet nichts, bringt aber viel. Vielleicht schaffen wir es eines Tages, dass die Fahrradfahrer in einer Reihe fahren, ihren Müll mitnehmen, ihre Bedürfnisse im Verborgenen oder auf einer Toilette erledigen und an roten Ampeln stehen bleiben.

Bis dahin bleibt uns nur die Hoffnung. Und die Gewissheit, dass der Frühling jedes Jahr aufs Neue kommt. Mit Sonne, blauem Himmel, glitzerndem Meer und einer Armada von Radfahrern, die uns zeigen, dass Geduld eine Tugend ist, die man auf Mallorca besonders gut trainieren kann. In diesem Sinne: Gute Fahrt allerseits!

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