Exotin
Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber Mallorca ist ein Ort, an dem selbst das Licht wärmer scheint als meine Hautfarbe und an dem die Tiere so entspannt wirken, als hätten sie die Siesta erfunden. Ich falle hier aus dem Rahmen wie ein deutscher Schäferhund in einer Gruppe mallorquinischer Ziegen. Groß, blond, helle Augen, ein wandelnder Leuchtturm zwischen Olivenhainen. Während die Einheimischen sich farblich irgendwo zwischen „sonnengeküsst“ und „ich bin mit der Sonne verwandt“ bewegen, wirke ich wie jemand, der gerade aus einem Kühlschrank entlassen wurde.
Besonders deutlich wurde mir das an einem Mittwoch in der Inselmitte. Der Ort, an dem der berühmte Wochenmarkt stattfindet, ist normalerweise ein quirliges Labyrinth aus Ständen, Stimmen und Gerüchen. An diesem Tag wollte ich nur schnell in den Supermarkt, um Brot zu kaufen. Ein harmloser Plan, dachte ich. Doch Mallorca liebt Überraschungen, und ich bin offenbar eine davon.
Ich stand also vor dem Regal mit den Tomaten, als ein älterer Herr mit Gehwagen auf mich zusteuerte. Sein Tempo war langsam, aber sein Blick zielgerichtet wie ein Adler, der eine besonders helle Maus entdeckt hat. Er blieb vor mir stehen, musterte mich von oben bis unten und sagte mit einer Mischung aus Faszination und Besorgnis: „Sie sind bestimmt nicht von hier, nicht wahr?“ Ich schüttelte den Kopf. Er nickte, als hätte er gerade einen besonders kniffligen Fall gelöst. „Sie sind so weiß. Darf ich mal Ihre Hand anfassen?“
Ich war so perplex, dass ich ihm tatsächlich meine Hand hinhielt. Er berührte sie vorsichtig, als wäre sie aus Porzellan. „Dios mío“, murmelte er, „so etwas sieht man hier selten.“ Dann schob er seinen Gehwagen weiter, als hätte er gerade eine wissenschaftliche Sensation bestätigt. Ich blieb zurück, mit einer Packung Tomaten in der Hand und dem Gefühl, gerade als seltene Spezies katalogisiert worden zu sein.
Seit diesem Tag weiß ich: Ich bin auf Mallorca nicht einfach eine Ausländerin. Ich bin ein Naturphänomen!
Ein anderes Mal saß ich in einem kleinen Café in einem Dorf, das so verschlafen war, dass selbst die Tauben gähnten. Ich trank meinen Kaffee, als die Kellnerin plötzlich neben mir stand und mich mit großen Augen ansah. „Entschuldigung“, sagte sie, „dürfte ich Sie etwas fragen?“ Ich nickte. „Sind Ihre Haare echt?“ Ich musste lachen. Sie beugte sich näher, als würde sie gleich eine Strähne zur Beweisaufnahme mitnehmen. „So blond sieht man hier nur im Fernsehen“, erklärte sie. Ich überlegte kurz, ob ich ihr erzählen sollte, dass meine Haare im Winter sogar noch heller werden, entschied mich aber dagegen. Ich wollte nicht riskieren, dass sie mich als Leuchtfeuer für Schiffe anheuert.
Auch Kinder reagieren auf mich, als wäre ich eine Figur aus einem Märchenbuch. Ein kleiner Junge zeigte einmal auf mich und rief begeistert: „Mira, mamá, una vikinga!“ Seine Mutter nickte zustimmend, als hätte sie gerade die genealogische Verbindung bestätigt. Ich überlegte kurz, ob ich ihm erklären sollte, dass ich weder ein Langschiff besitze noch Plünderungspläne habe, ließ es aber bleiben. Man soll Kinderträume nicht zerstören.
Je länger ich hier lebe, desto mehr merke ich, dass ich mich an vieles anpassen kann. Ich esse Ensaimadas, als wäre es ein olympischer Sport. Ich sage „Bon dia“ mit wachsender Selbstverständlichkeit. Ich kenne inzwischen den Unterschied zwischen einer Finca, einer Possessió und einem Haus, das einfach nur alt ist. Ich weiß, dass man im Sommer nicht fragt, warum jemand schwitzt, sondern warum er überhaupt draußen ist. Ich habe gelernt, dass man Tomaten nicht kauft, sondern geschenkt bekommt, wenn man nur lange genug freundlich schaut.
Doch egal wie sehr ich mich bemühe, egal wie viele mallorquinische Redewendungen ich lerne oder wie viele Mandelbäume ich bewundere, mein Äußeres verrät mich schneller als ich „Pa amb oli“ sagen kann. Ich bleibe die große, blonde Frau, die in der Inselmitte im Supermarkt angefasst wird, weil sie so hell ist wie ein frisch gewaschener Bettbezug.
Mallorca hat mich aufgenommen, aber es hat mich nicht getarnt. Und vielleicht ist das auch gut so. Schließlich braucht jede Insel ein bisschen Abwechslung. Wenn ich diese Abwechslung bin, dann nehme ich die Rolle gern an, auch wenn ich dabei gelegentlich als vikinga, Kühlschrankprodukt oder wissenschaftliche Sensation durchgehe.