Sandregen

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber Mallorca ist ein Ort voller Überraschungen. Manchmal sind es schöne Überraschungen wie Mandelblüten, die aussehen, als hätte die Natur beschlossen, ein romantisches Gedicht zu schreiben. Manchmal sind es weniger schöne Überraschungen wie der Sandregen, der sich benimmt wie ein schlecht erzogener Hund, der überall hinmacht, nur nicht dahin, wo er soll. Genau an so einem Tag hatte ich Besuch aus Deutschland erwartet und war fest entschlossen, mein Zuhause in ein glänzendes Wunderland zu verwandeln.

Meine Bekannten sollten ankommen. Ein Ereignis, das mich in einen Putzrausch versetzte, der selbst eine Armee von Heinzelmännchen beeindruckt hätte. Jede Ecke wurde geschrubbt. Jeder Zentimeter wurde poliert. Jede Oberfläche glänzte wie ein frisch gewachster Tanzsaal. Mein Rücken knirschte wie ein alter Dachstuhl, der schon lange um Renovierung bittet. Trotzdem hielt ich durch. Schließlich wollte ich meine Gäste nicht in einem Zustand empfangen, der an eine vergessene Abstellkammer erinnert.

Der Flug verspätete sich, was mich nicht weiter störte, denn ich war zu müde, um mich aufzuregen. Die Wiedersehensfreude war groß. Die Umarmungen waren herzlich. Die Stimmung war gut. Wir traten hinaus in die mallorquinische Luft und ich dachte, dass jetzt alles nur noch besser werden könnte.

Ein Tropfen fiel vom Himmel. Ein zweiter folgte. Ein dritter landete auf meiner Sonnenbrille. Ein kurzer Regen, der zunächst harmlos wirkte, als wolle der Himmel nur höflich grüßen, setzte ein. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich das Wasser jedoch in eine bräunliche Brühe, die aussah wie ein gigantischer Latte Macchiato, der über der Insel ausgeschüttet wurde. Ein Regen, der nicht einfach Wasser war, sondern eine Mischung aus Sahara, Himmel und purem Chaos. Selbst die Vögel schienen irritiert und flatterten davon, als hätten sie Angst, gleich karamellisiert zu werden.

Die Fahrt nach Hause verlief ruhig. Meine Anreisende waren neugierig. Ich war angespannt. Schließlich weiß man, dass deutsche Mallorcaurlauber jede Unterkunft mit einer Lupe betrachten und mit der gleichen Ernsthaftigkeit prüfen wie ein Komitee, das über die Vergabe eines Hygieneordens entscheidet. Während wir unterwegs waren, hörte der Regen nach fünf Minuten wieder auf und die Sonne strahlte so hell, als hätte sie nie eine Pause eingelegt. Kaum erreichten wir den Eingang meiner vier Wände, begann die Inspektion. Die Blicke glitten über die Fenster und die Türen. Die Augenbrauen hoben sich. Die Lippen formten sich zu einer Frage, die ich schon ahnte.

„Wie lange hast du denn nicht mehr geputzt? Ist es dir nicht peinlich, deinen Besuch so zu empfangen? Der Dreck liegt doch schon bestimmt seit Monaten da!“

Ich stand da wie eine Statue, die innerlich schreit, aber äußerlich lächelt. Meine Stimme blieb stumm, denn ich wusste, dass jede Erklärung sinnlos wäre. Der Sandregen hatte fünf Minuten gedauert. Fünf Minuten!! Dieses Phänomen versteht man nur, wenn man hier auf Mallorca lebt und den Wahnsinn selbst erlebt. Vom Himmel fällt eine Mischung aus Staub und Wasser, die niemand bestellt hat und die trotzdem zuverlässig geliefert wird. Die bräunliche Schicht legt sich über alles, als hätte jemand ein misslungenes Kakao- Pulver- Experiment über die Insel verteilt. Jede Ritze wird gefüllt, als folge der Staub einem geheimen Plan. Jede Oberfläche draußen wirkt plötzlich, als hätte sie eine Schlammpackung gebucht. Selbst die Pflanzen sehen aus, als würden sie sich fragen, was sie verbrochen haben.

Meine Gäste waren davon überzeugt, dass ich seit Monaten keinen Besen oder Putzlappen in meinen Händen gehalten hätte. Ich war davon überzeugt, dass ich in den nächsten vierzehn Tagen sehr viel Geduld brauchen würde. Mallorca ist schön! Mallorca ist warm! Mallorca ist voller Überraschungen! Doch der Sandregen bleibt der ungebetene Gast, der immer dann auftaucht, wenn man gerade alles perfekt machen wollte.

Vielleicht ist das die wahre Lektion des Insellebens: Perfektion ist eine Illusion. Saharastaub ist Realität. Humor ist das einzige Reinigungsmittel, das wirklich hilft.

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Exotin