Rückbau

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber manchmal schreibt das Leben Geschichten, die selbst ein übermotivierter Drehbuchautor nicht gewagter erfinden könnte. Nehmen wir meinen deutschen Bekannten, der sich in den Kopf gesetzt hatte, auf Mallorca ein kleines Häuschen zu mieten. Ein charmantes Refugium, so dachte er. In Wahrheit war es eine Bruchbude, die selbst ein Maulwurf mit Sehschwäche als „renovierungsbedürftig“ bezeichnet hätte.

Trotzdem ließ er sich nicht entmutigen. Mit der Entschlossenheit eines Mannes, der glaubt, dass ein bisschen Farbe und ein paar neue Fliesen jedes Problem lösen, machte er sich ans Werk. Er schmirgelte, strich, hämmerte und polierte, bis das Häuschen aussah wie ein mediterraner Traum. Man hätte meinen können, er habe persönlich versucht, die Insel in die engere Auswahl für den Architekturpreis zu bringen. Aus der einstigen Ruine wurde ein Schmuckstück, das selbst anspruchsvolle Touristen zum Staunen gebracht hätte.

Doch wie das Schicksal so spielt, blieb diese Verwandlung nicht unbemerkt. Der mallorquinische Vermieter, der zuvor so entspannt wirkte wie ein Kater in der Nachmittagssonne, bekam plötzlich Wind von der Sache. Kaum hatte er die neue Pracht gesehen, flatterte meinem Bekannten die Kündigung ins Haus. Eigenbedarf, hieß es. Ein Wort, das in Deutschland schon für erhöhten Puls sorgt, aber auf Mallorca eine ganz neue Dimension erreicht. Mein Bekannter war fassungslos. Er hatte das Gefühl, in einer besonders absurden Folge einer Immobilien-Doku gelandet zu sein.

Natürlich wollte er keinen Ärger. Man ist Gast im fremden Land, und da verhält man sich höflich, freundlich und konfliktvermeidend. Also packte er seine Sachen, seufzte tief und fing an nach einer neuen Bleibe zu suchen. Der Vermieter hingegen strahlte wie ein Lottogewinner. Ein frisch renoviertes Haus, ohne einen Cent investiert zu haben. Ein Traum. Zumindest dachte er das.

Mein Bekannter, sonst ein friedliebender Mensch, entwickelte plötzlich eine Kreativität, die man eher von Racheengeln aus antiken Tragödien kennt. Er beschloss, noch vor dem Auszugstermin, das Haus in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Nicht aus Bosheit, wie er betonte, sondern aus Prinzip. Er wollte nicht zulassen, dass der Vermieter seine Arbeit ausnutzt und das Häuschen nun zu einem Preis anbietet, der selbst Luxusresorts erröten ließe.

Also legte er erneut seine Hand an. Dieses Mal allerdings nicht mit dem Werkzeugkasten des Optimisten, sondern mit der Präzision eines Mannes, der eine Mission hat. Die frisch gestrichenen Wände verloren ihre makellose Farbe, die neuen Fliesen verschwanden, die liebevoll reparierten Fensterläden quietschten wieder wie alte Türen in einem Spukhaus. Es war, als würde er die Zeit zurückdrehen. Am Ende stand das Haus wieder da wie zuvor: eine charmante Katastrophe, die nur mit viel Fantasie als „rustikal“ durchgehen konnte.

Der Vermieter, der sich schon ausgemalt hatte, wie er das Schmuckstück gewinnbringend weitervermietet, stand nun vor einem Anblick, der ihm Tränen in die Augen trieb. Die Freude wich aus seinem Gesicht wie Wasser aus einem löchrigen Eimer. Mein Bekannter hingegen fühlte sich befreit. Nicht triumphierend, eher zufrieden wie jemand, der ein Gleichgewicht wiederhergestellt hat. Und vielleicht auch ein kleines bisschen erleichtert darüber, dass er sich selbst treu geblieben ist, trotz aller Widrigkeiten, trotz aller mediterranen Überraschungen, die das Leben hier so gern bereithält.

Manchmal, meine lieben Leser, zeigt das Leben uns, dass Gerechtigkeit nicht immer laut daherkommt. Sie kann auch leise auftreten, mit einem Schraubenzieher in der Hand und einem entschlossenen Blick. Während mein Bekannter inzwischen ein neues Zuhause gefunden hat, erzählt er diese Geschichte mit einem Schmunzeln. Denn am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss, selbst wenn man höflich bleibt.

So ist das eben. Manche Lektionen lernt man zwischen Olivenbäumen, Meeresrauschen und einer Bruchbude, die mehr Drama erzeugt hat als eine ganze Staffel einer Realityshow. Manchmal, wenn man später darüber lacht, merkt man erst, wie viel Charakter in solchen Lebenskapiteln steckt.

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