Morgen

Es ist wie es ist, meine lieben Leser, aber Mallorca besitzt eine Zeitform, die sich jeder Vernunft entzieht. Mañana schwebt über dieser Insel wie ein unsichtbarer Zauber, der sämtliche Abläufe in eine Art mediterrane Schwerelosigkeit verwandelt. Nichts geschieht sofort, nichts geschieht pünktlich, nichts geschieht, weil jemand es eilig hat. Alles passiert, wenn der passende Moment dafür irgendwann gekommen ist.

Im Alltag beginnt diese Erkenntnis zum Beispiel mit einem Anruf beim Handwerker. Eine freundliche Stimme meldet sich, hört aufmerksam zu und verspricht Hilfe. Eine klare Zusage folgt. Eine Ankunft wird angekündigt. Die innere Stimme ahnt bereits, dass dieser Besuch nicht mañana im kalendarischen Sinn stattfindet, sondern an einem Tag, den die Insel spontan auswählt. Eine Woche später steht der Handwerksmann plötzlich vor der Tür, als wäre er ein seltenes Naturereignis, das man nicht hinterfragt.

Im Garten zeigt sich dieses Prinzip in seiner ganzen Blüte. Der bestellte Gärtner betrachtet die wuchernde Bougainvillea mit der Ernsthaftigkeit eines Botanikers, der glaubt, eine neue Spezies entdeckt zu haben. Er schlägt eine Lösung vor, erwähnt eine Durchführung und nennt sogar ein Zeitfenster, das so vage klingt, als stünde es unter Vorbehalt der Sterne. Erwartung mischt sich mit Skepsis, bis eines Morgens tatsächlich Bewegung im Garten ist. Der Pflanzenflüsterer erscheint, während man im Schlafanzug die Mülltonne hinausbringt, und beginnt wortlos zu arbeiten. Eine Erklärung bleibt aus, mañana braucht keine.

Sobald die Gasflasche unerwartet leer wird, zeigt sich die wahre Logik dieser Insel. Der Fahrer nimmt die Bestellung von drei neuen bombonas entgegen, nennt eine ungefähre Lieferzeit und klingt dabei erstaunlich zuverlässig. Doch dann beginnt der mallorquinische Tagesrhythmus zu wirken. Zuerst wird der Kaffee ausgetrunken und das  vierte Frühstück in der Bar seelenruhig beendet. Auf dem Weg zum Lieferwagen taucht plötzlich eine Cousine auf, und aus einem kurzen Gruß wird ein ausgedehntes Schwätzchen. Während die beiden reden, rückt der Feierabend näher, und irgendwann ist die Arbeitszeit schlicht vorbei. Aber was soll’s, mañana ist ja auch noch ein Tag!

Bei Behörden entfaltet mañana eine fast majestätische Wirkung. Die erste Mitarbeiterin bittet um Geduld. Die zweite führt Privatgespräche am Telefon. Die dritte bringt Unterlagen. Die vierte sucht einen Stempel. Die fünfte bringt einen neuen Stempel. Man wartet, während die Minuten verrinnen wie Sand in einer übermotivierten Sanduhr. Dann stellt sich heraus, dass das Stempelkissen verschwunden ist, und man soll mañana wiederkommen. Natürlich.

Zwischen den Häusern Mallorcas zeigt sich die Wortkunst manchmal auch anschaulich. Der alte Zaun beginnt zu wackeln, und der Bewohner des angrenzenden Grundstücks verspricht sofortige Hilfe. Der Werkzeugkasten steht im Nu bereit, doch der Hobbyhandwerker erklärt mit ernster Miene, dass zuerst das Mittagessen Vorrang hat und danach die Siesta unvermeidlich ist. Am nächsten Morgen bleibt alles unverändert. Ein weiterer Tag vergeht, während der Zaun tapfer im Wind klappert und so tut, als wolle er beweisen, dass er auch ohne Unterstützung überleben kann. Genau in dem Augenblick, in dem man die Unterwäsche zum Trocknen aufhängt und sich eigentlich unsichtbar fühlt, ertönen Klopfgeräusche am Holz. Der Nachbar steht da und beginnt die Instandsetzung mit einer Entschlossenheit, die an einen Ritter erinnert, der endlich sein Schwert gefunden hat.

Im Supermarkt zeigt sich die wahre Seele dieses Wortes an der Obsttheke. Eine Kundin sucht eine Wassermelone, entdeckt jedoch nur ein leeres Regal, das so verlassen wirkt, als hätte es eine dramatische Trennung hinter sich. Eine Kassiererin wird um Hilfe gebeten, verlässt ihren Platz und beginnt eine Suche, die an eine Expedition erinnert, die eigentlich ein Team aus Bergführern bräuchte. Eine Kiste wird geöffnet, eine zweite Kiste wird inspiziert, eine dritte Kiste wird misstrauisch beäugt. Keine einzige Melone weit und breit. Eine Pause entsteht, bevor die Verkäuferin mit einem Lächeln erklärt, dass mañana bestimmt wieder welche da sind.

Auf Mallorca ist mañana weder Ausrede noch Trägheit, sondern ein stilles Versprechen. In diesem Wort liegen Wahrheit und Einladung, ein Hauch von Freiheit und eine Gelassenheit, die sich nur zeigt, wenn man ihr Raum lässt. Vielleicht ist genau das der Zauber dieser Insel? Sie zwingt niemanden zur Langsamkeit, sie schenkt sie einfach. Wer sich darauf einlässt, spürt eine Ruhe, die nicht schläfrig macht, sondern wach. Eine Ruhe, die trägt, statt zu bremsen. Eine Ruhe, die flüstert, dass alles seinen Weg findet. Vielleicht nicht heute, aber mañana ganz bestimmt.

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